Erlebnisbericht Brockenmarathon

Laufbericht von Volker

tri_2015_brocken-marathon-2Da ich mir zum Ende des Jahres noch meinen jährlichen Marathon schuldig war, habe ich mich kurzfristig entschlossen im Rahmen des Harzgebirgslaufs am Brockenmarathon teilzunehmen. Ohne Form und Bergerfahrung hatte ich die Hoffnung das Rennen mit mehr Vernunft dadurch etwas weniger Ehrgeiz anzugehen und nicht wie gewohnt mit Vollgas zu starten und am Anstieg zum Brocken einzubrechen. Halb zum Scherz (leider auch die Wirklichkeit) sage ich öfter, dass meine Trainingsstrecken auf dem Rad so flach sind, dass eine Eisenbahnbrücke ein wahres Highlight ist. Meine Laufstrecken haben noch nicht einmal das zu bieten. Nicht viel vorgenommen und guter Dinge treffe ich auf dem Weg zum Start schon einen Arbeitskollegen und einen Bekannten, beide laufen mit. Super! In meinem Kopf ging der Schalter schon von „mitlaufen und genießen“ in „alles geben und auf jeden Fall vor den beiden ankommen“ um, also doch Vollgas. Der Startschuss erfolgt durch den Wernigeroder Bürgermeister mit den Worten „… und wenn ihr oben ankommt, dann winkt mal freundlich zu den Wessis rüber, wir hatten doch gerade 25 Jahre Einheit!“. Die ersten 10 km verlaufen ohne besondere Vorfälle, ein bisschen rauf, ein bisschen runter. Meine Zeiten schon weit entfernt von der Bestmarke und mein Körper schnappt schon ungewöhnlich intensiv nach Sauerstoff. KM 11: Der Aufstieg beginnt. KM 11,25: Verdammt ist das steil, unmöglich hier vernünftig zu laufen. Kleine Trippelschritte, trainiert wenigstens das Vorfußlaufen. KM 13: Die ersten gehen, auch bei mir wird die Versuchung immer größer… Es folgen Passagen mit gemäßigten Steigungen und steilere Anstiege. KM 16: Abbiegen auf den Heinrich-Heine-Weg, die guten alten Panzerplatten, die Krönung dieses Laufes: In meinem Kopf schwirren Gedanken umher, wer sich die Mühe macht hier Betonplatten hochzuschleppen, um diese dann so unprofessionell steil zu verlegen… Ich taufe den Weg um in „die Wand“. Dann wage ich das Experiment, ich gehe. Tatsächlich sagt die GPS-Uhr, dass meine Geschwindigkeit beim Wechsel von Laufschritt zum Gehen nur unwesentlich sinkt, aber deutlich entspannter ist. Obwohl von Entspannung zumindest bei mir keine Rede sein kann. Gehen im Wettkampf ist eine Höchststrafe. Gott sei Dank gehen mittlererweile alle um mich herum, niemand läuft, alle schimpfen. Es wird zunehmend windiger und kälter, laut Wetterbericht soll es windige 1°C werden. KM 17: Ich sehne mich nach der erdrückenden Hitze auf der stupiden aber flachen Laufstrecke entlang des Kanals in Roth. Lieber Schwimmen und Radfahren vorweg als meinen Körper aufwärts zu bewegen. KM 17,5: Es gibt Plastiktüten als Windstopper zum überziehen, ich zögere kurz, entscheide mich dann doch dafür. Für diese Entscheidung werde ich noch sehr dankbar sein. Verpflegungspunkt, kurze Pause. Es gibt Malzbier (habe ich noch nie erlebt bei einem Wettkampf), schmeckt aber so eiskalt einfach göttlich! Das „Tuten“ der Brockenbahn wird immer lauter. Bei KM18,5 taucht der Gipfel in Sichtweite auf, gleich ist es soweit. KM 19,5: Es ist geschafft! Ich sehe in die Gesichter meiner Frau und meiner Familie die am Gipfel, die auf mich warten. Kurze Pause. Ohne die psychische Stütze, zu wissen das meine Liebsten hier oben auf mich warten, hätte ich wohl nicht so lange durchgehalten. Nach kurzen aufmunternden Worten und einem Foto geht es weiter. Eigentlich wollte ich mich am Gipfel stolz mit dem Lehrter Shirt posieren, erst zu Hause ist mir eingefallen, dass ich ja die schicke Plastiktüte an hatte (siehe Foto). KM 20: Ab jetzt geht es bergab, nichts mehr tun, nur noch ankommen. Einfach fallen lassen, die letzten 23km genießen, freier Fall, Hoffnung … Harter Aufschlag, da mir bereits alles weh tut, wird auch das bergab laufen zur Qual. Jeder Schritt tut weh, das Tempo ist lächerlich langsam. KM 24: Es wird flach und mit dem gewohnten Profil passierte das Wundersame: Ich wurde wieder schnell. Das meinem Körper (der Geist hatte schon lange nix mehr zu sagen) bekannte Terrain ohne große Steigungen ermöglichte mir wieder einen Schnitt von fast 4:15 min/km. Ich steigerte mich von km zu km, im Kopf dachte ich immer an das Streckenprofil: Nur noch bergab und flach, oder? KM 34: Nach 10 km mit der bekannten Pace, trat dann doch das unverhoffte in Erscheinung: Vor mir erscheint ein ca. 300m langer steil aussehender Anstieg. Egal, rein und wegdrücken. Nach 300m geht es um die Kurve und dann … steil bergauf und kein Ende in Sicht. Ich bin gebrochen. Nicht nur physisch auch psychisch will ich nicht mehr. Ich muss nochmal gehen, erneut die Höchststrafe für einen „Läufer“. KM 37: Noch ein Anstieg, ich verfluche die Veranstalter. Da muss es doch andere Wege geben. KM 38: Das entscheidende Schild mit dem Hinweis „Ab jetzt geht es nur noch bergab“. Kommt leider 15 km zu spät. Ich treffe Martin aus Hannover, wir kennen uns nicht, aber über die gemeinsame Leidensgeschichte kommen wir ins Gespräch. Wir machen uns über Leute lustig, die Ultra-Trails über noch längere Distanzen und höhere Berge laufen. KM 41: Ich fange einen Zielsprint an, warum kann ich mir selber nicht erklären. Wahrscheinlich ist es der Drang erhobenen Hauptes durch das Ziel zu laufen. 1000m nochmal Vollgas. KM 42,2: Das Abenteuer Brocken-Marathon ist geschafft. Stolz und Freude mischen sich wie immer auch mit dem Wunsch etwas besser gewesen zu sein. Habe ich mir noch zehn Minuten vorher geschworen, so einen Quatsch nie wieder zu versuchen, weiß ich jetzt: Ich komme wieder!

2018-01-04T17:04:47+00:0010. Oktober 2015|Categories: Triathlon|Kommentare deaktiviert für Erlebnisbericht Brockenmarathon

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